Walter Gropius (1883–1969) und Philip Rosenthal (1916–2001) verband die Frage, wie industrielle Produktion und gute Gestaltung zusammenwirken können. Am Rothbühl in Selb wurde daraus eine neue Porzellanfabrik: ein Bau mit geordneten Produktionswegen, vorgefertigten Betonteilen und einer grünen Insel in der Halle. Die Anlage entstand 1965–1967 durch Gropius, Alexander Cvijanovic und The Architects Collaborative (TAC). Ihre Einweihung fand am 5. Oktober 1967 statt. (GRQ02; GRQ04)
GR01 · Eingang des Rosenthal-Werks am Rothbühl. Weit auskragendes Dach zwischen den Gebäudeflügeln. Original: IMG_6954.JPG. Bildnachweise.
Gropius gründete 1919 das Bauhaus in Weimar und leitete es bis 1928. Seine Arbeit verband Architektur mit Handwerk, Gestaltung und industrieller Herstellung. Nach der Emigration 1934 nach England ging er 1937 in die USA, wo er an der Harvard University lehrte. 1946 gründete er mit jüngeren Architekten das Büro The Architects Collaborative. Die Zusammenarbeit im Team gehörte zu seinem Architekturverständnis. Das Selber Werk entstand somit im Spätwerk eines Architekten, dessen Laufbahn weit über die Bauhauszeit hinausreichte. (GRQ08)
Bei der Fabrikplanung kam Gropius’ Erfahrung mit dem Bauen für industrielle Abläufe erneut zum Tragen. Die im Fundus erhaltene Baustellenreportage von Cornelius Torre stellt ausdrücklich einen Zusammenhang zwischen dem früheren Fagus-Werk in Alfeld und dem Selber Neubau her. Ihr Thema ist das Zusammenwirken von Tragwerk, Fertigung und menschlichem Arbeitsplatz. (GRQ01, gedruckte S. 38)
Die heutige Unternehmensdarstellung nennt 1963 als Beginn der Zusammenarbeit. Philip Rosenthal suchte einen Architekten für eine neue Produktionsstätte. Der daraus entstandene Kontakt führte später auch zum Produktdesign. Der Bauherr gehörte zu einer Unternehmergeneration, die Gestaltung als Aufgabe des gesamten Unternehmens verstand. Seine weitere Laufbahn behandelt der Artikel über Philip Rosenthal. (GRQ03)
Eine im Download-Fundus gespeicherte ältere Webdarstellung schildert die Vermittlung durch den Grafiker Josef Müller-Brockmann. Sie enthält einen Bericht über die Eröffnungsfeier und eine spätere Darstellung des Denkmalschutzes. Da ursprüngliche Autoren und Erscheinungsdaten dieser übernommenen Texte nicht vollständig ausgewiesen sind, bleibt diese Vermittlungsgeschichte eine ergänzende Überlieferung. (GRQ06, PDF-S. 2)
GR02 · Walter Gropius und Philip Rosenthal. Historische Aufnahme aus dem Bildfundus. Original: gropius.jpg. Bildnachweise.
Die wichtigste technische Quelle im Fundus ist die sechsseitige Reportage „Porzellanfabrik aus dem Baukasten“. Ihre ersten Bilder stellen die hammerförmigen Köpfe der Betonstützen neben Porzellangeschirr. Die Konstruktion wird dadurch zum eigentlichen Thema der Darstellung: Wiederholbare Bauteile sollen eine große, zusammenhängende Produktionsanlage ermöglichen. (GRQ01, PDF-S. 1–2)
Die als „Gropius-Hämmer“ bezeichneten Stützen stehen in einem Raster von zehn mal zehn Metern. Auf ihren seitlich ausgesparten Köpfen liegen die Träger für das Dach. Die Fotografien zeigen unterschiedliche Bauzustände: zunächst die frei stehenden Stützen, anschließend das wachsende Skelett und das Einheben weiterer Betonträger mit dem Kran. Die Reportage beschreibt, dass vorgefertigte Teile an der Baustelle zusammengefügt wurden. (GRQ01, gedruckte S. 36–39)
Dieses Raster sollte Veränderungen und Erweiterungen ermöglichen. Im Bericht wird erläutert, dass sich Außenwände abnehmen und weitere Rasterfelder anschließen ließen. Auch die Dachkonstruktion war aus austauschbaren Elementen gedacht. Der Neubau sollte damit auf veränderte Herstellungsmethoden reagieren können. Die technische Ordnung war eine Voraussetzung für spätere Anpassungen des Betriebs. (GRQ01, gedruckte S. 38–39)
Die Datentafel nennt eine bebaute Fläche von rund 21.000 Quadratmetern, etwa 170.000 Kubikmeter umbauten Raum und ein Grundstück von ungefähr neun Hektar. Die größte Länge wird mit 240 Metern, die größte Breite mit 100 Metern angegeben. Als damalige Gesamtkosten des Bauvorhabens nennt sie rund 20 Millionen Mark. Diese Werte beschreiben den im Bericht dokumentierten Planungs- und Bauzustand; sie sind keine heutige Bestandsvermessung. (GRQ01, gedruckte S. 39)
GR03 · Fabrik am Rothbühl. Außenansicht mit langgestrecktem Baukörper und markantem Eingang. Original: IMG_6953.JPG. Bildnachweise.
Auf der letzten Seite der Reportage ist ein Grundriss mit Fertigungsablauf abgebildet. Er führt von der Rohstoffaufbereitung über Dreherei und Gießerei zu Brennbetrieb, Glasiererei und Schleiferei. Weitere Flächen dienen Zwischenlager, Dekorationsbetrieb, Endkontrolle und Expedition. Rohstoffzufuhr, Personalzugang und Ausgang der Fertigprodukte sind gesondert markiert. (GRQ01, gedruckte S. 39)
Der Plan erklärt die Fabrik aus den Wegen des Materials. Die Abteilungen mussten in einer Reihenfolge zusammenarbeiten, die den Transport zwischen den Arbeitsschritten erleichterte. Zugleich waren Sozialräume und Grüninsel Teil derselben Gesamtanlage. Der Grundriss bietet deshalb einen besonders anschaulichen Zugang zur Porzellanherstellung und zu der Frage, wie Produktion eine Gebäudeform bestimmt. Diese Lesart ergibt sich aus der Anordnung und Legende des überlieferten Plans. (GRQ01, gedruckte S. 39)
Die technischen Angaben nennen außerdem die Nutzung von Abwärme zur Beheizung der Hallen und Absaugvorrichtungen an staubgefährdeten Arbeitsplätzen. Für 1966 war dort die Einrichtung und Inbetriebnahme des Weißbetriebs vorgesehen, für 1967 diejenige des Dekor- und Versandbetriebs. Die Zukunftsform des Baustellenberichts ist dabei zu beachten: Die Angaben dokumentieren den damaligen Zeitplan. Als gesondert belegtes Datum der feierlichen Einweihung gilt der 5. Oktober 1967. (GRQ01, gedruckte S. 39; GRQ04)
Die Reportage bezeichnet die menschliche Gestaltung des Arbeitsplatzes als ein Hauptanliegen. Ihr Bild des geplanten Grünhauses zeigt eine bepflanzte Insel unter einer gläsernen Konstruktion. Die Bildunterschrift nennt Pflanzen, Blüten und Vögel als Bestandteile dieses Bereichs. Der zugehörige Text beschreibt ihn als Erholungsraum im Knotenpunkt der Verkehrswege. Diese Darstellung gehört zum Entwurf und seiner zeitgenössischen Vermittlung. (GRQ01, gedruckte S. 38)
Für die ausgeführte Anlage beschreibt die Stadt Selb ein achteckiges, etwa 55 Quadratmeter großes Grünhaus. Dort lebten früher drei Flamingos. 2017 wurde das Grünhaus saniert. Die städtische Broschüre nennt außerdem das zweigeschossige Feierabendhaus mit Bibliothek, Sportmöglichkeiten und einer Bühne im Speisesaal. Freizeit, Begegnung und Erholung wurden damit in die Anlage einbezogen. (GRQ04, S. 38)
GR04 · Mehrgeschossiger Gebäudeteil am Rothbühl. Aufnahme aus der Rothbühl-Serie. Original: IMG_6963.JPG. Bildnachweise.
Gropius’ Arbeit für Rosenthal blieb nicht auf Gebäude beschränkt. 1969 kam das Teeservice TAC auf den Markt. Der Name verweist auf sein Architekturbüro The Architects Collaborative. Die Unternehmensdarstellung erläutert die geometrische Formensprache und den Bajonettverschluss des Kannendeckels. Der Entwurf übersetzte das Interesse an klarer Konstruktion und Gebrauch in ein Alltagsobjekt. (GRQ03)
Für die Geschichte der Porzellanstadt ist diese Verbindung besonders aufschlussreich: Derselbe Austausch führte sowohl zu einer Produktionsstätte als auch zu einem Produkt. Fabrik und Geschirr gehören dadurch in eine gemeinsame Geschichte von Auftraggeberschaft, Entwurf und Herstellung.
Eine weitere Zusammenarbeit führte zum Glaswerk in Amberg, der sogenannten Glaskathedrale. Gropius, Cvijanovic und TAC entwickelten auch dort einen Industriebau für Rosenthal. Die Bauhaus Kooperation nennt 1968–1970 als Bauzeit und 1970 als Fertigstellung – ein Jahr nach Gropius’ Tod. Charakteristisch ist die hohe Schmelzofenhalle mit gestaffelten Dachflächen und Fensterbändern. Rothbühl und Amberg sind zwei unterschiedliche Anlagen derselben Zusammenarbeit. (GRQ05)
Die Bauhaus Kooperation ordnet das Selber Werk als bedeutenden Industriebau der Nachkriegsmoderne ein und nennt seinen Denkmalschutz. Im Zentrum stehen dabei die Verbindung aus funktionaler Konstruktion und Gestaltung der Arbeitswelt sowie das markante Portal. (GRQ02)
Die ältere Webdarstellung im Fundus dokumentiert zudem eine Diskussion über die Aufnahme in die Denkmalliste: Wirtschaftliche Veränderbarkeit und Erhaltungsinteresse wurden gegeneinander abgewogen. Der Text berichtet über diese damaligen Positionen. Verbindliche heutige Nutzungs- oder Genehmigungsbedingungen lassen sich daraus nicht ableiten. (GRQ06, PDF-S. 4–5)
GR05 · Schriftzug „Rosenthal am Rothbühl“. Namenszug am Gebäude. Original: IMG_6956.JPG. Bildnachweise.
| Jahr | Entwicklung und Quellenbezug |
|---|---|
| 1919–1928 | Gropius gründet und leitet das Bauhaus. GRQ08 |
| 1946 | Gründung des Büros The Architects Collaborative. GRQ08 |
| 1963 | Beginn der Zusammenarbeit nach heutiger Rosenthal-Darstellung. GRQ03 |
| 1965–1967 | Bauzeit des Werks am Rothbühl nach Bauhaus Kooperation. GRQ02 |
| 1966 / 1967 | Baustellenreportage nennt diese Jahre für Weißbetrieb beziehungsweise Dekor- und Versandbetrieb als Zeitplan. GRQ01, S. 39 |
| 5. Oktober 1967 | Einweihung der Fabrik. GRQ04, S. 38 |
| 1969 | Einführung des TAC-Teeservices; Tod von Walter Gropius am 5. Juli. GRQ03, GRQ08 |
| 1970 | Fertigstellung des Glaswerks in Amberg. GRQ05 |
| 2017 | Sanierung des Grünhauses nach städtischer Broschüre. GRQ04, S. 38 |
Cornelius Torre: „Porzellanfabrik aus dem Baukasten“, mit der Dachzeile „‚Gropius-Hammer‘ macht’s möglich“. Im Download-Fundus als Gropius/Rotbuehl-gropius.pdf, sechs gescannte Seiten. Sichtbare gedruckte Seitenzahlen 35, 36, 38 und 39; die Zuordnung der ersten Seite zu S. 34 und der vierten zu S. 37 ist aus der Folge erschlossen. Alle sechs Seiten visuell geprüft. Zeitschrift, Heftnummer und Erscheinungsdatum sind im Ausschnitt nicht eindeutig ausgewiesen. Zeitgenössischer Baustellenbericht mit Fotos, Modell, Grünhausentwurf, Grundriss und technischen Daten; Zukunftsaussagen werden als damaliger Planungsstand gelesen. Vier im Download-Fundus gefundene Ablagen sind byteidentisch und keine voneinander unabhängigen Quellen.
Bauhaus Kooperation: „Rosenthal am Rothbühl“. Objektdarstellung. Verwendet für Bauzeit 1965–1967, Architektenteam, bauliche Einordnung und Denkmalschutz. Die dort gezeigten Fremdfotografien werden hier nicht übernommen. Abruf: 15. Oktober 2026.
Rosenthal GmbH: „Walter Gropius und Rosenthal“. Unternehmensdarstellung. Verwendet für Beginn der Zusammenarbeit 1963 und das 1969 eingeführte TAC-Service. Die Quelle beschreibt die eigene Unternehmens- und Designgeschichte und ist entsprechend einzuordnen. Abruf: 15. Oktober 2026.
Stadt Selb: „Roter Faden“, Abschnitt „Rosenthal am Rothbühl“, gedruckte S. 38. Städtische Broschüre. Verwendet für Einweihung am 5. Oktober 1967, Grünhaus, dessen Sanierung 2017 und Ausstattung des Feierabendhauses. Die Angaben wurden im online auslesbaren Abschnitt geprüft; die vollständige große PDF ließ sich über den Recherchezugang nicht öffnen. Die Broschüre ist keine laufend geprüfte Auskunft über heutige Besuchsmöglichkeiten. Abruf: 15. Oktober 2026.
Bauhaus Kooperation: „Glaswerk“ in Amberg. Objektdarstellung. Verwendet für das zweite Rosenthal-Projekt, Architektenteam, Bauzeit 1968–1970 und Fertigstellung nach Gropius’ Tod. Abruf: 15. Oktober 2026.
„Rosenthal Rotbühl“, ältere Webdarstellung im Fundus, Pressemappen/Internet/Rosenthal/Rosenthal Rotbühl.pdf, fünf PDF-Seiten, ausgewiesene letzte Änderung 17. März 2011. Enthält einen übernommenen Eröffnungsbericht und einen späteren Text zum Denkmalschutz. Die Änderung der Webseite ist nicht das Erscheinungsdatum der ursprünglichen Beiträge. Autoren und vollständige ursprüngliche Publikationsdaten sind nicht eindeutig ausgewiesen. Ergänzend für die überlieferte Vermittlungsgeschichte und die damalige Denkmalschutzdiskussion, nicht als alleiniger Datierungsbeleg verwendet.
Bildfundus „Rotbuehl“ und gropius.jpg. Vier Außenaufnahmen aus „Porzellanindustrie Version 2024/Rotbuehl“ sowie eine historische Aufnahme aus „Porzellanstadt Selb/Bundesarchiv Fotos/bundesarchiv-1“. Die Außenbilder liegen außerdem im parallelen Bestand „Porzellan Version 2024/Selb/Rosenthal/rotbuehl“. Die Dateien wurden vollständig und ohne Beschnitt verlustfrei als WebP abgeleitet. Bildgrößen: viermal 1000 × 665 Pixel, historische Aufnahme 400 × 278 Pixel. Datumseinträge zur Dateibearbeitung im Dezember 2010 werden nicht als gesicherte Aufnahmedaten ausgegeben.
Bauhaus Kooperation: „Walter Gropius“, biografische Darstellung. Biografie. Verwendet für Lebensdaten, Bauhausleitung, Emigration, Harvard und TAC-Gründung. Abruf: 15. Oktober 2026.
Datierungen auseinanderhalten: 1963 bezeichnet in GRQ03 den Beginn der Zusammenarbeit, 1965–1967 in GRQ02 die Bauzeit und der 5. Oktober 1967 in GRQ04 die Einweihung. Die im Philip-Rosenthal-Artikel ausgewertete NDB nennt 1964 für den Planungsauftrag. Ohne ursprüngliche Vertrags- und Planungsakten werden diese Angaben nicht zu einem einzigen vermeintlich gesicherten Auftragsdatum zusammengezogen.
| Kennung | Original im Download-Fundus | Aussage und Nachweisgrenze |
|---|---|---|
| GR01 | Rotbuehl/IMG_6954.JPG |
Frontalansicht des Eingangs; Fotograf und genaues Aufnahmedatum offen. |
| GR02 | bundesarchiv-1/gropius.jpg |
Gropius und Philip Rosenthal in einer Halle; Fotograf, Datum und genauer Aufnahmeort offen. Kein individueller Bundesarchiv-Credit in der Ablage. |
| GR03 | Rotbuehl/IMG_6953.JPG |
Langgestreckte Fabrikfront; Fotograf und genaues Aufnahmedatum offen. |
| GR04 | Rotbuehl/IMG_6963.JPG |
Mehrgeschossiger Gebäudeteil im Werksbestand; konkrete Räume nicht identifiziert. |
| GR05 | Rotbuehl/IMG_6956.JPG |
Schriftzug und Uhr an der Fassade; Fotograf und genaues Aufnahmedatum offen. |
Archivvorlagen: Sammlung Stefan Strößenreuther. Gesonderte Fotografen- und Nutzungsnachweise sind in den ausgewerteten Bilddateien nicht dokumentiert. Die Herkunftsangabe ersetzt keine Urheberzuordnung; abweichende Rechte Dritter bleiben vom allgemeinen Nutzungshinweis unberührt.
Rosenthals Glaswerk von Gropius, Cvijanovic und TAC besitzt jetzt einen eigenen Artikel über Bauzeit 1968–1970, Glasproduktion, Architektur und das Erlebnis Glaskathedrale Amberg. Die beiden Rosenthal-Bauten lassen sich damit im Zusammenhang lesen.
Regenbogenstadt und die „Dritte Haut“ behandelt Pienes Regenbogenhaus, Hundertwassers Umgestaltung und Morandinis Spiegelfassade. Der Beitrag ergänzt den Fabrikneubau am Rothbühl um künstlerische Eingriffe in bestehende Gebäude.
Die Rosenthal Studio-Line ergänzt die Baugeschichte um das künstlerische Produktprogramm, TAC, internationale Gestalter, Herstellung und Studio-Häuser.
Die alte Rosenthal-Fabrik / Bahnhof Selb war aus dem 1866 gegründeten Zeidler-Betrieb hervorgegangen. Der ausführliche Artikel erläutert den mehrgeschossigen Fabrikkomplex, frühe Studio-Line und Verlagerung sowie seine spätere Erhaltung als Porzellanikon.