Kapital, Aufsichtsräte und das industrielle Netzwerk hinter der Selber Porzellanfabrik
Die Geschichte von Lorenz Hutschenreuther ist auch eine Geschichte ihrer Finanzierungs- und Geschäftsverbindungen. Um 1900 benötigte eine wachsende Porzellanfabrik Kapital für Gebäude, Brennöfen, Rohstoffe, Vorräte und den Vertrieb. Mit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft 1902 trat der Selber Betrieb in den Einflussbereich des Bankhauses B. M. Strupp in Meiningen. Dessen Nachfolgeinstitut hieß seit 1905 Bank für Thüringen vorm. B. M. Strupp AG. Persönliche Mandate, Beteiligungen und die Zusammenarbeit verschiedener Hersteller verbanden Selb mit einem überregionalen keramischen Industrienetz. (STQ01, S. 231; STQ02, S. 16; STQ06)
Gemeint ist hier die Lorenz Hutschenreuther AG in Selb, nicht die damals selbstständige C. M. Hutschenreuther AG in Hohenberg. Der Beitrag führt die Texte und Chroniken des Download-Fundus mit städtischen und bankhistorischen Nachweisen zusammen. Fünf kommentierte Abbildungen zeigen die Fabrikstandorte. Die wichtigen Aussagen aus Bohrers Chronik sind als lesbarer Text mit genauer Fundstelle übernommen. Redaktionsstand: 17. Oktober 2026.
H01 · Hutschenreuther Werk A in Selb. Spätere Luftaufnahme des Fabrikgeländes aus dem Dorschner-Bestand. Bildnachweis.
Lorenz Hutschenreuther hatte 1857 in Selb eine eigene Fabrik gegründet. Sein Vater Carl Magnus Hutschenreuther war mit der älteren Porzellanproduktion in Hohenberg verbunden. Der gemeinsame Familienname verdeckt leicht, dass daraus über lange Zeit zwei eigenständige Unternehmen mit unterschiedlichen Werken, Beteiligungen und Finanzbeziehungen entstanden. Erst 1969 wurden die beiden Gesellschaften zusammengeführt. Die Bezeichnung Hutschenreuther AG der späteren Zeit darf deshalb nicht unbesehen auf die Verhältnisse von 1902 übertragen werden. (STQ02; Unternehmensentwicklung)
Die Arbeitsunterlage „Konzerne der deutschen Porzellanindustrie“ ordnet Lorenz Hutschenreuther dem Strupp-Kreis zu. C. M. Hutschenreuther erscheint dagegen im Umfeld des Dresdner Bankhauses Gebrüder Arnhold. Die Unterlage enthält Übertragungsfehler und ersetzt keine Handelsregisterakte; für die grundlegende Trennung der beiden Unternehmensgruppen ist sie dennoch aufschlussreich. In einzelnen Passagen steht „Arnold“, während andere Abschnitte den Namen Arnhold richtig wiedergeben. (STQ03)
| Unternehmen | Früher Mittelpunkt | Für diesen Beitrag entscheidender Zusammenhang |
|---|---|---|
| Lorenz Hutschenreuther AG | Selb, später unter anderem Werk A, Werk B und Paul Müller | AG-Umwandlung 1902; Verbindung zu B. M. Strupp beziehungsweise zur Bank für Thüringen |
| C. M. Hutschenreuther AG | Hohenberg und weitere Standorte | Eigenständige Gesellschaft; in der Fundus-Unterlage dem Arnhold-Kreis zugeordnet |
| Spätere Hutschenreuther AG | Zusammengeführter Unternehmensverband | Spätere Entwicklung; keine passende Sammelbezeichnung für sämtliche Verhältnisse vor 1969 |
Das Meininger Bankhaus ging aus dem Handelsgeschäft der jüdischen Familie Strupp hervor. Die städtische Darstellung nennt 1715 für das Handelsunternehmen, 1740 für den Namen B. M. Strupp und 1742 für die Ergänzung um Bankgeschäfte. Gustav Strupp (1851–1918) führte das Haus nach dem Tod seines Vaters 1873 gemeinsam mit Angehörigen weiter. Er verband Bankgeschäft und Industrieengagement. (STQ06)
Katharina Witter beschreibt das keramische Engagement des Hauses besonders bei Kahla und Kloster Veilsdorf. Dadurch wurde die Bank zu einem Verbindungspunkt zwischen verschiedenen Produktionsorten. Nicht jedes Werk besaß dieselbe Rechtsform oder denselben Grad an Selbstständigkeit. (STQ05, PDF-S. 9)
1905 ging das Privatbankhaus in der Bank für Thüringen auf. Strupp führte deren Aufsichtsrat bis zu seinem Tod 1918. Mit seiner Frau Fanny unterstützte er soziale Stiftungen. (STQ06)
Die Firmenfestschrift „100 Jahre Porzellan“ von 1957 hält die Umwandlung von Lorenz Hutschenreuther in eine Aktiengesellschaft für 1902 fest. Auf derselben Seite stehen die späteren Erweiterungen um Jäger, Werner & Co., Paul Müller, Tirschenreuth und Bauscher. Der Text schildert diese Entwicklung aus Sicht des jubilierenden Unternehmens. Seine Datierungen lassen sich mit anderen Quellen vergleichen; seine Erfolgsrhetorik ist dagegen keine unabhängige Bewertung. (STQ02, S. 16)
Hermann Bohrer stellt auf Seite 231 seiner Selber Kirchen- und Heimatkunde ausdrücklich eine Verbindung zwischen der AG-Gründung und Strupp in Meiningen her. Er verwendet dabei rückblickend eine ungenaue Bankbezeichnung. Für das Jahr 1902 ist die Bezeichnung Bankhaus B. M. Strupp sachgerecht: Die Bank für Thüringen als Aktienbank entstand erst 1905. Bohrers Aussage und die spätere Bankbezeichnung sind deshalb zeitlich auseinanderzuhalten. (STQ01, S. 231; STQ07)
Bohrer formuliert die Verbindung zur Bank ausdrücklich:
„die Gründung derselben geschah durch die Bank in Thüringen unter Herrn Geheimrat Dr. Strupp in Meiningen.“
Hermann Bohrer, Selb – eine Kirchen- und Heimatkunde, S. 231; historische Bankbezeichnung des Autors. STQ01.
Bohrer beschreibt den Aufstieg der Fabrik nicht allein als Folge zusätzlicher Produktionsanlagen. Seit den 1880er-Jahren seien dekoriertes Tafelgeschirr und Hotelporzellan hergestellt worden. Er verbindet diese Erzeugnisse mit dem Ruf als Qualitätsfabrik und mit Ausstellungserfolgen. Seine Darstellung macht deutlich, dass neben der Menge auch das Sortiment und die Veredelung für den wirtschaftlichen Erfolg wichtig waren. Die wertende Würdigung der Qualität bleibt dabei als Sicht des Chronisten erkennbar. (STQ01, S. 231)
Zugleich schildert er die schwierigen Transportverhältnisse der frühen Fabrikjahre. Rohstoffe und Brennstoffe waren zwar in Bayern und im nahen Böhmen vorhanden, mussten aber mit Fuhrwerken nach Selb gebracht werden. Auch zwischen Fabrik und der nach seiner Angabe fünf Stunden entfernten Bahnstation waren Transporte nötig; das fertige Porzellan nahm den umgekehrten Weg. Welche Bahnstation in der zugehörigen Anmerkung 285 gemeint ist, wird aus dieser Seite allein nicht eindeutig. Der Text veranschaulicht die Bedeutung leistungsfähiger Transportwege, ohne einen bestimmten Bahnanschluss zu datieren. (STQ01, S. 231)
Nach dem Tod Lorenz Hutschenreuthers ging die Fabrik laut Bohrer auf seine Söhne Viktor und Eugen über. Die AG-Umwandlung von 1902 ordnet er dem weiteren Ausbau der Fabrikation zu. Damit führt seine Darstellung vom Familienbetrieb zur kapitalgestützten Erweiterung und nennt Strupp als Beteiligten dieses Übergangs. Das genaue Vertrags- und Beteiligungsverhältnis muss über zusätzliche Geschäftsunterlagen erschlossen werden. (STQ01, S. 231)
Die Arbeitsfassung zur Lorenz-Hutschenreuther-Geschichte nennt für die frühe Aktiengesellschaft Heinrich Kalbfuß als Vorstand sowie Angehörige der Familien Hutschenreuther und Pabst im Aufsichtsrat. Diese Zusammenstellung beschreibt fortbestehende familiäre Einflüsse neben der Verbindung zur Bank. Eine lückenlose, nach Amtszeiten geordnete Besetzung der Organe kann daraus noch nicht gewonnen werden. Besonders eine undatierte spätere Liste mit Ludwig Fuld darf nicht als Gründungsaufsichtsrat von 1902 ausgegeben werden. (STQ04)
Bei einer Aktiengesellschaft sind Kapitalbeteiligung, Kredit und Geschäftsführung verschiedene Dinge. Aktionäre stellen Eigenkapital bereit und besitzen entsprechende Mitgliedschaftsrechte. Ein Kredit begründet dagegen eine Rückzahlungsverpflichtung. Ein Aufsichtsratsmandat ermöglicht die Mitwirkung an Kontrolle und grundlegenden Unternehmensentscheidungen, macht seinen Inhaber aber nicht automatisch zum operativen Fabrikleiter.
Für Hutschenreuther ist deshalb genauer von einem Finanzierungs- und Beteiligungsumfeld mit personellen Verflechtungen zu sprechen. Die ausgewerteten Unterlagen belegen den Zusammenhang mit Strupp und späteren Bankvertretern. Sie enthalten jedoch keine hier überprüfte vollständige Aktienliste von 1902 und keine geschlossene Serie der Kreditverträge. Eine bestimmte Beteiligungsquote oder ein angeblicher Kaufpreis der Bank wird deshalb nicht genannt. Der wirtschaftliche Einfluss einer Bank kann erheblich sein, ohne dass ihr ein Werk unmittelbar und vollständig gehört.
1906 erwarb Lorenz Hutschenreuther die Fabrik Jäger, Werner & Co. in Selb. Sie wurde als Werk B beziehungsweise Abteilung B weitergeführt. Das Stammwerk an der Ludwigsmühle erhielt entsprechend die Bezeichnung Werk A. Die Erweiterung vergrößerte die industrielle Basis innerhalb der Stadt; sie war ein tatsächlicher Erwerb durch das Porzellanunternehmen und ist von der übergeordneten Verbindung zum Bankhaus zu unterscheiden. (STQ02, S. 5 und 16; STQ04)
B09 · Hutschenreuther Werk B in Selb. Foto aus der Festschrift von 1957; die gedruckte Legende nennt den Erwerb 1906. Bildnachweis · STQ02.
Der darunterstehende Text der Festschrift:
„Vorbereitungen, auch das Werk A auf Tunnelöfen umzustellen, haben inzwischen begonnen. Aber bis zu dieser Entwicklung war es ein weiter Weg, der Initiative und einen unbeirrbaren Willen erforderte. Lassen Sie uns ein wenig im Buch der Geschichte des Werkes zurückblättern, um den Mann kennenzulernen, der ihm seinen Namen gegeben hat, und die erstaunliche Entwicklung des Unternehmens und seine Leistungen miterleben.“
Quelle: Lorenz Hutschenreuther AG (Hrsg.), 100 Jahre Porzellan, 1957, S. 5. STQ02. Die Passage spricht aus der Perspektive des Jubiläumsjahres 1957; die Vorbereitungen für Tunnelöfen im Werk A beziehen sich auf diesen damaligen Stand, nicht auf den Erwerb von Werk B 1906.
Für die Bewertung des Wachstums ist diese Ebene entscheidend: Unter einem Unternehmensnamen konnten mehrere räumlich getrennte Fabriken arbeiten. Gleichzeitig konnte dieselbe Gesellschaft über eine Bank, Aufsichtsräte oder Aktien mit weiteren selbstständigen Unternehmen verbunden sein. Der Selber Mehrwerksbetrieb und der größere Strupp-Kreis waren somit nicht deckungsgleich.
Die Porzellanfabrik Paul Müller in Selb wurde 1917 von Lorenz Hutschenreuther erworben. Bohrer und die Firmenfestschrift stimmen in dieser Datierung überein. Die Konzernunterlage beschreibt die Müllerfabrik als finanziell vollständig in den Händen von Lorenz Hutschenreuther. Das ist innerhalb der überlieferten Darstellung eine engere Beziehung als die bloße Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen Bankenkreis. (STQ01, S. 231; STQ02, S. 16; STQ03)
M01 · Historische Müllerfabrik. Gesamtansicht des später von Hutschenreuther übernommenen Werks. Ein entsprechendes Motiv ist mit „Archiv Zeitler“ und „um 1900“ überliefert. Bildnachweis.
Bohrer ergänzt den Erwerb um Angaben zur Größenordnung der Müllerfabrik: Für 1913 nennt er 350 Beschäftigte und sechs große Rundöfen. Nach dem Kauf sei das Werk als eigene Abteilung unter Leitung des Fabrikgründers weitergeführt worden. Diese Angaben beziehen sich auf die Müllerfabrik und dürfen nicht als Beschäftigten- oder Ofenzahl des gesamten Hutschenreuther-Unternehmens gelesen werden. (STQ01, S. 231)
Die spätere Kunstabteilung und die kriegsbedingte Unterbringung von Teilen der Berliner KPM gehören zu weiteren Nutzungsphasen dieses Standorts. Sie werden im eigenen Artikel über Paul Müller behandelt. Aus der Strupp-Verbindung lässt sich keine unmittelbare Beteiligung des Bankhauses an sämtlichen späteren Vorgängen der Fabrik ableiten.
Die Bezeichnung Strupp-Konzern begegnet im Fundus als Sammelbegriff für einen Kreis keramischer Unternehmen. Die Arbeitsunterlage unterscheidet innerhalb dieses Kreises ausdrücklich zwei enger verbundene Gruppen: Kahla–Schomburg einerseits sowie Lorenz Hutschenreuther–Paul Müller–Königszelt andererseits. Weitere Verbindungen bestanden nach ihrer Darstellung vor allem über Aufsichtsräte und die gemeinsame Forschung. Damit beschreibt die Unterlage ein abgestuftes Netzwerk und keine einheitliche Liste vollständig von einer einzigen Muttergesellschaft beherrschter Tochterfirmen. (STQ03)
| Verbindung im Fundus | Beschriebene Form | Was daraus hervorgeht |
|---|---|---|
| B. M. Strupp / Bank für Thüringen – keramische Unternehmen | Bank- und Aufsichtsratsverbindungen | Überregionaler wirtschaftlicher Einfluss; nicht für jedes Werk dieselbe Eigentumsquote |
| Lorenz Hutschenreuther – Paul Müller | Erwerb 1917; finanzielle Eingliederung | Enger Unternehmenszusammenhang |
| Lorenz Hutschenreuther – Königszelt | Aktienaustausch und entsandte Aufsichtsratsmitglieder | Beteiligungs- und Kontrollverflechtung; allein daraus folgt keine vollständige Übernahme |
| Kahla – Schomburg | Interessengemeinschaft seit 1922; gemeinsame Leitungs- und Gewinnregelungen | Eigene, eng verbundene Gruppe innerhalb des weiteren Kreises |
| Weitere angeschlossene Fabriken | Gemeinsame Personen und Forschungsgesellschaft | Zusammenarbeit bei fortbestehenden Unterschieden zwischen den Gesellschaften |
Königszelt in Schlesien erscheint in der Konzernunterlage nicht als einfache zusätzliche Selber Fabrikabteilung. Die Verbindung zu Lorenz Hutschenreuther wird durch Aktienaustausch und die Entsendung von Aufsichtsratsmitgliedern erläutert. Das ist ein konkreter Hinweis auf wirtschaftliche Verflechtung, aber kein Ersatz für einen datierten Verschmelzungsvertrag oder den Nachweis einer hundertprozentigen Beteiligung. Für die Darstellung bleibt deshalb der Begriff Beteiligungsverbindung angemessen. (STQ03)
Gerade hier führt das im Fundus überlieferte Vortragsschaubild leicht zu Missverständnissen. Es steht unter einer Überschrift mit 1918, enthält aber auch Ereignisse von 1927 und 1928. Die verschiedenen Zeitstände werden im Artikel nicht zu einem vermeintlichen Organigramm des Jahres 1918 zusammengezogen. Eine in der Grafik genannte Jahreszahl ist zudem nicht ohne Weiteres das Gründungs-, Erwerbs- oder Verschmelzungsjahr; dafür muss die jeweilige Beschriftung mit Schriftquellen abgeglichen werden. (STQ09)
Zum weiteren Kreis gehörten nach der Arbeitsunterlage Unternehmen und Werke in Kahla, Hermsdorf, Freiberg, Zwickau, Schönwald, Arzberg, Rauenstein und Kloster Veilsdorf. Auch keramische Betriebe in der Oberpfalz werden genannt. Diese Zusammenstellung enthält Entwicklungen bis in die frühen 1920er-Jahre. Sie darf weder pauschal auf 1902 zurückdatiert noch vollständig als damaliger Besitz von Lorenz Hutschenreuther bezeichnet werden. (STQ03)
Die Gruppe Kahla–Schomburg war besonders mit elektrotechnischen Erzeugnissen verbunden. Geschirrporzellan, Isolatoren, Sanitärkeramik und andere keramische Produkte hatten unterschiedliche Märkte. Ein gemeinsames Bankenumfeld bedeutete deshalb keine einheitliche Produktpalette. Zugleich konnten Rohstoffbeschaffung, Brenntechnik und chemische Untersuchung auch für unterschiedliche Fertigungszweige gemeinsame Aufgaben sein.
H04 · Porzellanfabrik Schönwald. Die Albumaufschrift nennt 1938. Bildnachweis.
Eine Porzellanfabrik brauchte verlässliche und gleichmäßige Rohstoffe. Die Konzernunterlage nennt die Kemmlitzer Kaolinwerke im Zusammenhang mit Kahla, das Kaolinwerk Fischern bei Karlsbad im Zusammenhang mit Lorenz Hutschenreuther und Rohstoffunternehmen bei Seilitz im Zusammenhang mit Bauscher. Diese Zuordnungen erschließen die materielle Grundlage der Produktion. Sie beschreiben jedoch jeweils unterschiedliche Unternehmensbeziehungen und keinen gemeinsamen Besitz aller Lagerstätten durch das Bankhaus. (STQ03)
Bohrer berichtet vom Erwerb von Kaolingruben bei Karlsbad und der Einrichtung einer Kaolinschlemmerei in Fischern. Damit beschreibt er die Sicherung und Aufbereitung eigener Rohstoffe als Bestandteil des Fabrikaufbaus. Der Bezug eigener Rohstoffe und der Zugang zum Bahnnetz ergänzten die finanziellen Voraussetzungen des Fabrikbetriebs. Kapital allein machte noch kein gutes Porzellan: Zusammensetzung der Masse, Brennführung, Formgebung und Dekoration mussten zusammenpassen. (STQ01, S. 231)
Die Arbeitsunterlage datiert die Forschungsgesellschaft Vereinigter Porzellanfabriken mbH auf 1921. Als Aufgaben nennt sie den Austausch praktischer Erfahrungen sowie Fortschritte der Feuerungstechnik und Chemie. Witter erwähnt ebenfalls eine Forschungsgesellschaft für die Porzellanindustrie in Meiningen, ohne damit sämtliche Einzelheiten der Konzernunterlage zu bestätigen. Das Netzwerk konnte demnach auch dem technischen Erfahrungsaustausch dienen. Die genaue Gesellschaftsgeschichte und die Liste ihrer Gesellschafter bleiben ein eigener Forschungsgegenstand. (STQ03; STQ05, PDF-S. 9)
Für die personelle Verbindung liefern die archivgestützten Biografien der Historischen Gesellschaft der Deutschen Bank zusätzliche Nachweise. Sie helfen, die unübersichtlich zusammengestellten Namenslisten des Fundus zu präzisieren.
Ludwig Fuld (1877–1938) begann 1892 bei B. M. Strupp. Am 1. Februar 1913 trat er in den Vorstand der Bank für Thüringen ein. Die Bankgeschichte nennt ihn als Aufsichtsratsmitglied bei Lorenz Hutschenreuther sowie als Aufsichtsratsvorsitzenden von Kahla, Königszelt und Keramag. Das belegt eine personelle Brücke zwischen mehreren keramischen Unternehmen. Ein Vorsitz bei einer anderen Gesellschaft darf dabei nicht auf Hutschenreuther übertragen werden. (STQ07)
Julius Reutlinger (1874–1940) arbeitete zunächst in Filialen der Bank für Thüringen und seit 1920 in Meiningen. 1925 wurde er Vorstandsmitglied. Die bankhistorische Biografie führt Lorenz Hutschenreuther unter seinen Aufsichtsratsmandaten von etwa Mitte der 1920er- bis Mitte der 1930er-Jahre auf. Mit der Übernahme der Bank für Thüringen durch die Disconto-Gesellschaft wechselte er 1926 nach Berlin; nach der Bankenfusion 1929 arbeitete er für die gemeinsame Deutsche Bank und Disconto-Gesellschaft. (STQ08)
Beide Lebensläufe zeigen, warum die Verbindungen nicht mit Gustav Strupps Tod 1918 endeten. Personen und Mandate bestanden über Veränderungen der Bankorganisation hinweg fort. Das belegt personelle Kontinuitäten, ohne daraus einen unveränderten Aktienbesitz oder eine gleichbleibende Kreditpolitik abzuleiten.
Im März 1926 übernahm die Disconto-Gesellschaft die Bank für Thüringen. 1929 folgte ihre Fusion mit der Deutschen Bank. Die Bezeichnung Bankhaus B. M. Strupp ist für die Anfänge richtig, wird aber ungenau, wenn sie unverändert für alle späteren Bankgeschäfte verwendet wird. (STQ07, STQ08)
Auf der Unternehmensseite markiert 1927 den Zusammenschluss von Lorenz Hutschenreuther mit Bauscher in Weiden und der Porzellanfabrik Tirschenreuth. Die Firmenfestschrift nennt beide Erwerbungen. Ein zeitgenössischer Bericht der Darmstädter Zeitung vom 4. Mai 1927 meldete zuvor den Vorschlag der Verwaltungen, die drei Gesellschaften zu verschmelzen, wobei Hutschenreuther die aufnehmende Gesellschaft sein sollte. Die Zeitungsmeldung dokumentiert damit die angekündigte Maßnahme; sie ist für sich genommen noch kein Nachweis ihres rechtlichen Vollzugs. (STQ02, S. 16; STQ10, S. 13)
H03 · Bauscher in Weiden. Spätere Luftaufnahme des Fabrikgeländes. Bauscher-Artikel · Bildnachweis.
Damit lässt sich eine längere Entwicklung erkennen: Aus dem Selber Stammwerk wurde ein Mehrwerksunternehmen, das zugleich in einen größeren Banken- und Industriekreis eingebunden war. Die späteren Zusammenschlüsse erweiterten den eigenen Unternehmensverband. Sie sind chronologisch von früheren, weniger engen Beteiligungs- und Aufsichtsratsbeziehungen zu trennen.
Die Geschichte dieses Netzwerks gehört auch zur Geschichte jüdischer Unternehmer und Bankiers. Gustav Strupp starb bereits 1918. Die spätere Verfolgung traf Angehörige und andere Personen des früheren Bankenumfelds. Der wirtschaftsgeschichtliche Beitrag darf diese Brüche weder ausblenden noch nachträglich sämtliche Beteiligten gleichsetzen.
Ludwig Fuld verlor nach 1933 schrittweise seine Ämter und 1935 seine Stellung bei der Bank. Nach der Plünderung seiner Wohnung während der Novemberpogrome 1938 starb er am 27. Dezember 1938 durch Suizid. Julius Reutlinger wurde wahrscheinlich 1935 wegen seiner jüdischen Herkunft vorzeitig pensioniert; er starb 1940 in Berlin, nachdem der NS-Staat ihm weitgehend sein Vermögen entzogen hatte. (STQ07, STQ08)
Die Strupp’sche Villa in Meiningen mussten die Erben 1939 unter Zwang verkaufen. Die Stadt erinnert dort heute mit dem B. M. Strupp Lern- und Gedenkort an jüdische Geschichte und Antisemitismus. Die Verfolgung dieser Menschen ist belegt. Aussagen darüber, welche einzelnen Entscheidungen die Lorenz Hutschenreuther AG bei der Entziehung bestimmter Mandate oder Vermögenswerte traf, würden dagegen zusätzliche Unternehmens- und Verfolgungsakten erfordern. (STQ11)
Zwei Gebäude sollten bei der Suche nach den Meininger Spuren unterschieden werden. Das „Alte Gericht“, Leipziger Straße 2, war ursprünglich Sitz der Bank für Thüringen. Die Strupp’sche Villa, Bernhardstraße 4, war Wohn- und Firmensitz Gustav Strupps. Beide sind mit dem Architekten Karl Behlert verbunden. Die städtischen Texte nennen für den Bankbau unterschiedliche Jahresangaben; eine exakte Bauchronologie wird hier daher nicht festgelegt. (STQ06, STQ11)
Die Villa wurde 1909/1910 erbaut. Nach der Sanierung 2018–2022 beherbergt sie unter anderem das Max-Reger-Konservatorium und Teile der Volkshochschule. Der Lern- und Gedenkort ergänzt die Nutzung um die Erinnerung an die Familie. Das benachbarte ehemalige Gebäude der Deutschen Hypothekenbank, Leipziger Straße 4, gehört zu einem anderen Institut und sollte nicht als Strupp-Bankgebäude beschriftet werden. (STQ11)
Im für diesen Beitrag ausgewerteten Bildmaterial wurde kein sicher bezeichnetes historisches Porträt Gustav Strupps und keine eindeutig zugeordnete Aufnahme seines Bankhauses gefunden. Die Fabrikansichten zeigen deshalb ausdrücklich die Produktionsorte. Auf eine vermeintliche Bankabbildung ohne belastbare Zuordnung wird verzichtet.
| Jahr | Ereignis und Einordnung | Nachweis |
|---|---|---|
| 1857 | Lorenz Hutschenreuther gründet seine eigene Fabrik in Selb. | STQ02 |
| 1873 | Gustav Strupp kehrt nach dem Tod seines Vaters in das Meininger Bankhaus zurück. | STQ06 |
| 1902 | Umwandlung von Lorenz Hutschenreuther in eine AG; Bohrer verbindet die Gründung ausdrücklich mit Strupp. | STQ01–02 |
| 1905 | Aus B. M. Strupp entsteht die Bank für Thüringen vorm. B. M. Strupp AG. | STQ06–08 |
| 1906 | Erwerb der Fabrik Jäger, Werner & Co. als Werk B. | STQ02 |
| 1909/1910 | Bau der Strupp’schen Villa in Meiningen. | STQ11 |
| 1913 | Ludwig Fuld wird Vorstandsmitglied der Bank für Thüringen. | STQ07 |
| 1917 | Lorenz Hutschenreuther erwirbt Paul Müller in Selb. | STQ01–03 |
| 1918 | Gustav Strupp stirbt; der industrielle Verbindungskreis besteht weiter. | STQ06; STQ03 |
| 1921 | Die Fundus-Unterlage datiert die Forschungsgesellschaft Vereinigter Porzellanfabriken auf dieses Jahr. | STQ03 |
| 1922 | In der Konzernunterlage Beginn der engen Interessengemeinschaft Kahla–Schomburg. | STQ03 |
| 1925 | Julius Reutlinger tritt in den Vorstand der Bank für Thüringen ein. | STQ08 |
| 1926 | Übernahme der Bank für Thüringen durch die Disconto-Gesellschaft. | STQ07–08 |
| 1927 | Zusammenschluss mit Bauscher und Tirschenreuth; am 4. Mai zunächst als Vorhaben gemeldet. | STQ02; STQ10 |
| 1929 | Fusion der Disconto-Gesellschaft mit der Deutschen Bank. | STQ07–08 |
| 1938–1940 | Tod Fulds nach nationalsozialistischer Verfolgung; Zwangsverkauf der Strupp-Villa 1939; Tod Reutlingers 1940. | STQ07–08; STQ11 |
| 1969 | Zusammenführung der zuvor selbstständigen Hutschenreuther-Unternehmen. | STQ12 |
Die Überlieferung enthält mehrere Ebenen: eine örtliche Chronik, eine spätere Unternehmensfestschrift, private Arbeitsunterlagen, ein Vortragsschaubild und archivgestützte Biografien. Keine dieser Quellengruppen beantwortet allein alle Fragen. Der Artikel trennt deshalb gesicherte Eckdaten von Einzelheiten, die erst durch Geschäftsberichte, Aktienbücher und Handelsregisterakten präzisiert werden können.
Meininger_Heimatklaenge_2006.pdf enthält einen Beitrag aus März und April 2000. Maßgeblich ist die Datierung im Dokument.Besonders ergiebig für weitere Forschung wären der Gründungsprospekt und die Satzung von 1902, zeitlich aufeinanderfolgende Geschäftsberichte, Handelsregisterunterlagen zu den Erwerbungen sowie die einschlägigen Bank- und Aufsichtsratsakten. Die bankhistorischen Biografien weisen bereits auf konkrete Archivsignaturen hin. Diese weiterführenden Akten wurden für diesen Artikel nicht selbst eingesehen.
Hermann Bohrer: Selb – eine Kirchen- und Heimatkunde, im Fundus 1930 zugeordnet. Gedruckte S. 231, PDF-S. 12 der Datei 16_bis_Seite_239 (Bohrer Chronik Selb).pdf. AG-Umwandlung 1902 unter Strupp, Rohstoffe in Fischern, Paul Müller 1917, Erweiterungen 1927. Abweichende Datierung von Werk B bleibt ausgewiesen. Die relevante Seite wurde im Originalbild geprüft. Sammlung Stefan Strößenreuther, Download-Fundus, „Ahnenforscher / Gemeinden O–S / Selb / Selb Chronik Bohrer1930“.
Lorenz Hutschenreuther AG (Hrsg.): 100 Jahre Porzellan, Selb 1957. Gestaltung Laux Studios KG, Satz und Druck Carl Neumeister. Datei Hutschenreuther_Porzellan_Chronik_023.pdf, besonders gedruckte S. 5 und 16, PDF-S. 6 und 17. Impressum im Teil _069.pdf, letzte PDF-Seite. Unternehmensfestschrift mit rückblickender Selbstdarstellung; S. 16 visuell geprüft. Download-Fundus, „Porzellanstadt Selb / Hutschenreuther / Chronik Hutschenreuther“. Bereits erschlossen als L15.
Konzerne der deutschen Porzellanindustrie, undatierte Arbeits-/Übertragungsfassung im Scrivener-Projekt Porzellanindustrie-Nordbayern.scriv, Datei Files/Docs/171.rtf. Herangezogen wurden die Abschnitte zum Strupp-Kreis und zur Abgrenzung vom Arnhold-Kreis. Beschreibt Beteiligungsformen, Untergruppen und Forschung; enthält erkennbare Datierungs- und Schreibfehler. Verfasser und ursprüngliche Druckvorlage dieser Passage sind in der Arbeitsdatei nicht hinreichend bestimmt. Download-Fundus, „Porzellanstadt Selb / Projekt_Buch_Porzellan“.
Lorenz Hutschenreuther, Arbeitskapitel desselben Scrivener-Projekts, Datei Files/Docs/43.rtf, besonders die Abschnitte zur Aktiengesellschaft, zu Werk B und zum Bankhaus Strupp. Zusammengestellter Text mit unterschiedlichen Zeitständen; undatierte Organlisten werden zurückhaltend verwendet. Keine selbstständige Vertrags- oder Registerquelle.
Katharina Witter: Arkanum feiner Scherben, Meininger Heimatklänge, März 2000, Nr. 3, und April 2000, Nr. 4. Archivdatei Meininger_Heimatklaenge_2006.pdf, besonders PDF-S. 9, Abschnitt „Großbetriebe“, sowie Verfasserangabe auf PDF-S. 10. Belegt den Thüringer Industriekontext und das Engagement des Bankhauses bei Kahla und Kloster Veilsdorf; kein Nachweis einer bestimmten Hutschenreuther-Beteiligungsquote. Download-Fundus, „Porzellan Version 2024 / Porzellanfabriken / Meiningen“. Die Jahreszahl im Dateinamen ist nicht das Erscheinungsjahr des Textes.
Stadt Meiningen / Meininger Museen, Redaktion Axel Wirth: Gustav Strupp. Biografische Eckdaten, Familienbank, Industrieengagement und Umwandlung 1905. Einzelne Ungenauigkeiten der Darstellung werden nicht ungeprüft übernommen. Abruf 17.10.2026.
Historische Gesellschaft der Deutschen Bank: Ludwig Fuld, alphabetische Biografiensammlung, Eintrag Fuld. Nachweis der Banklaufbahn und des Hutschenreuther-Aufsichtsratsmandats; Archivhinweis HADB, F28/0206. Diese Akte selbst wurde nicht eingesehen. Abruf 17.10.2026.
Historische Gesellschaft der Deutschen Bank: Julius Reutlinger, alphabetische Biografiensammlung, Eintrag Reutlinger. Banklaufbahn, Hutschenreuther-Mandat und Verfolgung; Archivhinweis HADB, DB(alt)/0963. Die zugrunde liegende Akte wurde nicht selbst eingesehen. Abruf 17.10.2026.
Strupp_Konzern_Meiningen.ppt, Vortragsschaubild im Ordner „Porzellan Version 2024 / Selb / Vortrag-AWO-Rev4 / Vortrag-AWO“, mit Vermerk © 2010 Stefan Stroessenreuther. Textobjekte aus dem alten PowerPoint-Format ausgelesen. Die Überschrift mit 1918 und spätere Jahreszahlen stehen nebeneinander; daher nur als Rechercheübersicht, nicht als stichtagsgenauer Besitznachweis herangezogen. Keine vollständige visuelle Folienprüfung.
Darmstädter Zeitung, 4. Mai 1927, Nr. 123, S. 13: „Bedeutsamer Zusammenschluß in der bayerischen Porzellanindustrie“, Digitalisat und Volltext der ULB Darmstadt. Zeitgenössische Meldung über den geplanten Zusammenschluss von Lorenz Hutschenreuther, Tirschenreuth und Bauscher. Digitaler Volltext herangezogen; meldet einen Vorschlag an die Hauptversammlungen. Abruf 17.10.2026.
Stadt Meiningen: Historische Orte, Abschnitte „Altes Gericht“, „Strupp’sche Villa“ und „Deutsche Hypothekenbank“. Gebäudezuordnung, Zwangsverkauf und heutiger Lern- und Gedenkort. Unterschiedliche Baujahresangaben zum Bankgebäude werden nicht auf eine vermeintlich sichere Jahreszahl vereinheitlicht. Abruf 17.10.2026.
Bereits erschlossene Wiki-Quellen zur Unternehmensentwicklung, insbesondere Hutschenreuther: Unternehmensentwicklung, Bauscher, Paul Müller, Werke und Marken sowie Quellen Hutschenreuther und Quellen Dorschner LHS. Die dort einzeln nachgewiesenen Fundstellen bleiben maßgeblich; die Verweise sind Vertiefungen, keine zusätzlichen unabhängigen Belege.
| Kennung | Motiv und Herkunft | Einordnung |
|---|---|---|
| H01 | Werk A, Dorschner-LHS-Album; bestehender Nachweis | Spätere Luftaufnahme, kein Zustand von 1902 |
| B09 | Werk B, Festschrift 1957; bestehender Nachweis | Spätere Aufnahme; 1906 bezeichnet den Erwerb |
| M01 | Paul-Müller-Fabrik; bestehender Nachweis mit Archiv Zeitler | Historische Ansicht, vorsichtige Datierung um 1900 |
| H04 | Schönwald, Albumaufschrift 1938; bestehender Nachweis | Standortabbildung, kein Beteiligungsnachweis |
| H03 | Bauscher in Weiden, Dorschner-LHS-Album; bestehender Nachweis | Spätere Luftaufnahme, kein Zustand von 1927 |
Die wiederverwendeten Bilddateien behalten ihre bisherigen Kennungen und Herkunftsangaben. Fotografen beziehungsweise ursprüngliche Rechteinhaber sind nicht für alle Vorlagen dokumentiert. Das Eigentum an einer Archivvorlage ersetzt keine Urheberschaft am abgebildeten Werk. Abweichende Nachweise wie Archiv Zeitler bleiben erhalten.
Weiterlesen: Hutschenreuther in Selb · Unternehmensentwicklung · Zeitleiste · Werke und Marken · Paul Müller · Bauscher · Schönwald · Bilder · Quellen.